Gute-Macht-Geschichten bereiten eher schlaflose Nächte


Gute-Macht-Geschichten

Vielen Dank dem Westend-Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Aus dem Klappentext: So werden wir durch Sprache manipuliert: Deutschland muss „fit für die Zukunft“ gemacht werden, wir müssen die „Wettbewerbsfähigkeit“ steigern, wir brauchen „Reformen“ – das ist „alternativlos“! Solche Sprüche hören wir Tag für Tag.
Mit vermeintlichen Gewissheiten wie diesen wird in Deutschland Politik gemacht. Doch was ist dran?
Stepahn Hebel und Daniel Baumann entlarven die Floskeln der Macht und übersetzen die wichtigsten Begriffe aus dem Wörterbuch der Irreführung in leicht verständlichem Klartext. Ein Begleiter für alle, die die Sprache der Macht durchschauen wollen.

Zum Inhalt

Auf 247 (mit anhängenden kurzen Anmerkungen und Quellenangaben) wird dem politisch interessierten Leser vermittelt, mit welchen Floskeln er Tag für Tag in den Medien konfrontiert wird, die deutsche Politiker im Munde führen und vermeintlich Positives in die Welt hinaustragen wollen. Von A bis Z werden Begriffe wie „Ausgabenüberschuss“, „Gutmensch“, „Reform“, „unterprivilegiert“ bis „Zinsenteignung“ detailliert definiert und analysiert werden. Ein Beispiel: Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, der politisch immer große Beachtung geschenkt wird. Politiker wie der ehemalige Bundesumweltminister Altmaier oder führende Funktionäre von Wirtschaftsverbänden betonen nahezu gebetsmühlenartig: “ Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie im Blick behalten…“, so oder in ähnlichen Formulierungen. Die beiden Autoren, Hebel und Baumann, zeigen auf, dass es hierbei immer Gewinner und Verlierer gibt, weil der Konkurrenzdruck groß ist und gerade im Exportgeschäft die Wettbewerbsfähigkeit durch die Globalisierung großen Risiken unterworfen ist. Läuft es einmal nicht so gut, dann wird oft Sozialdumping betrieben. Statt Innovationen in neue Produkte oder Dienstleistungen zu stecken, wird an der Lohnschraube gedreht, was letztlich zur Ausbeutung derer führt, die durch ihre Arbeitsleistung eine Volkswirtschaft stützen. Als Lösung sehen Hebel und Baumann gemeinsame Sozialstandards für alle Arbeitnehmer in Europa an, um den Konkurrenzdruck zu lockern und gleichzeitig Einfuhren aus Ländern, die Billiglöhne präferieren,  Zölle aufzuerlegen. Die Debatten über Freihandelsabkommen zeigen nicht in diese Richtung, wie die beiden Autoren kritisch anmerken.

Mein Fazit:

Ein Buch, das man bei der Lektüre der Tages- oder Wochenzeitung immer zur Hand haben sollte, um die Begriffe nachzuschlagen, die uns von den Politikern als positiv oder alternativlos (ha, ha) verkauft werden. Als Bettlektüre ist dieses Buch nicht zu empfehlen, denn beim Lesen werden die Synapsen aktiviert, die unruhige Gedanken entwickeln und hellwach machen. Als Unterrichtsmittel für Sozialkundelehrer sind die Gute-Macht-Geschichten besonders gut geeignet, um mit den Schülern einzelne Begriffe durchzuarbeiten (es müssen ja nicht alle sein) und sie anzuregen, sich mit der politischen Sprache auseinanderzusetzen.

Meine Bewertung: **** (4 Sterne) Die Sprache der Mächtigen

Gute-Macht-Geschichten
Daniel Baumann &
Stefan Hebel

Erschienen am 17. März 2016
im Westend-Verlag, Frankfurt
ISBN 978-3-86489-126-7
16,00 € (incl. MwSt)
16,50€ (A)

 

 

Zu den Autoren

 

Daniel Baumann

ist Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Rundschau, zuvor schrieb er für Berliner Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger und FR. Er ist Schöpfer des Arbeitsmarktindex FRAX und wurde 2014 vom Fachmagazin Wirtschaftsjournalist zu den besten jungen Wirtschaftsjournalisten des Landes gewählt.
Foto: Peter Juelich

 

Stephan Hebel

Kommentator und politischer Autor. Er schreibt für die Frankfurter Rundschau sowie für Deutschlandradio, Freitag, Publik Forum und weitere Medien. Er ist zudem regelmäßiger Gast im »Presseclub« der ARD und ständiges Mitglied in der Jury für das »Unwort des Jahres«.
Foto:  Alexander Kempf

Vielen Dank dem Westend-Verlag, der die Downloads zur Verfügung gestellt hat.

Über Ruth Weitz

Freie Journalistin, Autorin und Texterin
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